Die Moderne Galerie präsentiert die Ausstellung RADIKAL !
In Saarbrücken vereint RADIKAL ! die Werke von mehr als sechzig Frauen, für eine schonungslose Vision der Moderne, von 1910 bis 1950.
„Die patriarchalischen Strukturen, die der Kunstgeschichte zugrunde liegen zu überdenken“: So fasst Meike Lander, eine der Kuratorinnen, die Absicht der Ausstellung zusammen. Im Laufe der drei Ausstellungsteile zeigt der Rundgang innovative Persönlichkeiten, die nichtsdestotrotz lange nicht wahrgenommen werden, unsichtbar gemacht, wie Marlow Moss, wesentliche Figur eines ersten Teils, der der Abstraktion gewidmet ist. Weiß, schwarz, rot und grau (1932) erinnert daran, dass sie im Jahr 1930 die Erfinderin der doppelten Linie war, vor einem gewissen Mondrian. An ihrer Seite sind Marcelle Cahn (geniale Abstrakte Komposition, 1925), Sonia Delaunay oder Sophie Taeuber-Arp – die beide Beziehungen zwischen Kunst und alltäglichem Leben knüpften – fast Berühmtheiten. Indem sie die Kunst als einen Akt des Protests beschreibt, zeigt ein zweiter Teil engagierte Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz und ihre phantastische Pietà (1937-38) aus Bronze, die Schmerz ausstrahlt, eine Miniatur-Version von jener, die in der Neuen Wache in Berlin installiert ist. Nicht weit entfernt von ihr erinnert die von Toyen gemalte surrealistische Allegorie Krieg (1945) an Arcimboldo: Eine beunruhigende Figur – geschwollenes Fleisch, versiffte Binden und ein Gesicht aus hunderten Wespen, die man fast surren hört – steht aufrecht in einer trostlosen Landschaft, die von Büsten à la H.P. Lovecraft bevölkert ist. Der Horror ist absolut, aber die Malerei wird hier als ein Mittel des Kampfes verstanden, wie bei Alice Lex-Nerlinger: Mit Paragraf 218 (1931) drückt sie, ohne Umschweife ihren Willen aus, den Text des deutschen Strafgesetzbuches aufzuheben, der besagt, dass Abtreibung ein Delikt ist.
In einem letzten Teil, unserer Meinung nach dem aufregendsten, werden Künstlerinnen auf der Suche nach neu- en Identitäten präsentiert, wie Greta Freist: Mit Tänzerin (1938) hat sie einen starken Akt der Selbstbehauptung als weibliche Künstlerin realisiert, indem sie ein Selbstportrait als Akt malte. Zur damaligen Zeit fast unvorstellbar! Von Claude Cahun – ihre ergreifenden Photographien beanspruchen ab den 1930er Jahren eine absolute Geschlechtsneutralität für sich, sie, die erklärte, dass „Etiketten verachtenswert sind“ – bis Leonor Fini, deren Traumwelten von triumphierenden Mädchen bevölkert sind, die sexuell befreit sind und eine Gesellschaft aus Epheben oder Chimären dominieren (Die Hüte- rin der Sphinxe, 1941). Und schließlich sind die Portraits von Charley Toorop wie ein Faustschlag ins Gesicht: Zu oft als maskulin bezeichnet, verherrlichen ihre frontalen, steifen und unerschütterlichen Darstellungen vor allem die Kraft des Lebens und die Schönheit der Seele, die sie einzufangen versucht.
In der Modernen Galerie des Saarlandmuseums (Saarbrücken) bis zum 18. Mai
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